Auskunft

 Aber warum schreibst denn du? — A.: Ich gehöre nicht zu Denen, welche mit der nassen Feder in der Hand denken; und noch weniger zu Jenen, die sich gar vor dem offenen Tintenfasse ihren Leidenschaften überlassen, auf ihrem Stuhle sitzend und auf’s Papier starrend. Ich ärgere oder schäme mich alles Schreibens; Schreiben ist für mich eine Nothdurft, — selbst im Gleichniss davon zu reden, ist mir widerlich. B.: Aber warum schreibst du dann? A.: Ja, mein Lieber, im Vertrauen gesagt: ich habe bisher noch kein anderes Mittel gefunden, meine Gedanken los zu werden. B.: Und warum willst du sie los werden? A.: Warum ich will? Will ich denn? Ich muss. — B.: Genug! Genug!
Digitale Kritische Gesamtausgabe (eKGWB)
eKGWB/FW-93 — Die fröhliche Wissenschaft: § 93. Erste Veröff. 10/09/1882.

„Der Schriftsteller – insbesondere der junge und unerfahrene Schriftsteller – bildet sich ein, er sei es seinem Leser schuldig, auf alle möglichen Fragen möglichst erschöpfende Antworten zu geben. Und da ihn seine Redlichkeit gewöhnlich davon abhält, die Augen zu verschließen und über die qualvollsten Zweifel einfach hinwegzusehen, beginnt er nolens volens, ‚die ersten und die letzten Dinge‘ abzuhandeln. Und da er über diese Themen nichts Bündiges zu sagen weiß (denn es ist nicht Sache der Jungen, sich in philosophische Zwiste einzumischen), fängt er an, sich zu erhitzen und bis zur Heiserkeit, bis zur Erschöpfung zu schreien. Hat er sich einmal sattgeschrien, schlafft er ab und verstummt, und danach, falls seine Worte beim Publikum angekommen sein sollte, wundert er sich darüber, wie leicht er es geschafft hat, zum Propheten zu werden. In der Seele eines mittelmäßigen Menschen resultiert daraus lediglich der Wunsch, bis ans Ende seiner Tage seinen Einfluß beim Publikum aufrechtzuerhalten. Sensiblere und begabtere Naturen verachten den Pöbel dafür, daß er Schreihälse von Propheten nicht zu unterscheiden vermag, und sich selbst verachten sie dafür, daß die törichte und schändliche Rolle eines Bajazzo erhabener Ideen sie auch nur ein einzigesmal in ihrem Leben hat faszinieren können.“
LEO SCHESTOW, übersetzt von Felix Philipp INGOLD

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